I attended some stupid riot, and all I got is beat up, arrested and sued

Inspiriert durch die Ausschreitungen in Baltimore im April, diesen Artikel und die jährliche Herausforderung, rund um den ersten Mai in Berlin zu leben, habe ich mich entschieden ein paar meiner Gedanken einigermaßen geordnet zu Papier zu bringen. Menschenmassen kann man, in meinem Fall würde ich hinzufügen “leider”, nicht immer entgehen, und oft haben diese eine gewisse Gewalttätigkeit bereits in sich, oder aber zumindest das Potential, gewalttätig zu werden. Um im Fall der Fälle trotzdem heil aus der Situation herauszukommen hier ein paar Empfehlungen von mir. Ich habe keinerlei credentials vorzuweisen, ich habe mich allerdings schon das ein oder andere Mal in den von mir angesprochenen Situationen wiedergefunden (#wildejugend), ohne dass mir etwas passiert wäre. Zusätzlich dazu neigt mein paranoider Persönlichkeitsanteil dazu, etliche Optionen mental durchzuspielen, oft genug mit einem relativ realitätsnahen Ausgang…

Um meine Überlegungen sortieren zu können, teile ich das Vorgehen und das Geschehen in drei Phasen ein.

Phase eins: Das Vorhinein, der Alltag

Gerade im Hinblick auf potentielle Krawalle, Ausschreitungen, Demonstrationen oder andere möglicherweise gewalttätige Versammlungen gilt es, informiert zu bleiben. Dem Tagesgeschehen einigermaßen folgen kostet nicht viel Zeit oder Energie, aber ich rate explizit davon ab, zum news junkie zu werden, da das medial vermittelte Bild oft verzerrt ist. Zusätzlich ist es nicht unbedingt nötig, alle Details über das Geschehen in einer Kleinstadt am anderen Ende der Republik zu kennen, es reicht das große Ganze und das Wissen um Auswirkungen auf die eigene Situation. Zusätzlich dazu empfehle ich das Verfolgen der Lokalnachrichten. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass man jedes Wochenende die Postwurfsendung, die sich als Zeitung tarnen möchte, lesen muss, es gibt heutzutage tausend Möglichkeiten Informationen aus der eigenen Stadt oder dem eigenen Viertel zu bekommen. Besonders einfach ist solche Recherche zu betreiben, wenn man erstmal identifizieren konnte, wer potentiell gefährdende Akteure sind. Fußballfans? Politgruppen? Jugendliche mit zuviel Zeit? Cosplayer auf Meth? Alle diese Gruppen haben ein immenses Bedürfnis, sich darzustellen und für sich zu werben, dieses Bedürfnis sollte man nutzen um einschätzen zu können, was wann und wo passiert. Oder, wenn man will, sich ihnen anzuschließen.

Die meisten happenings sind entweder anlassbezogen, Baltimore oder der Weltmeistertitel der deutschen Fußballmannschaft, oder sind regelmäßig, fast rituell, der erste Mai in Berlin oder Fußballspiele zwischen erster Liga und Jugendfußball. Hat man einen potentiellen Anlass erkannt, hilft es zu wissen, welche Akteure darauf wohl wie reagieren. Lebt man in einem der Bezirke Berlins, in denen ich bisher gewohnt habe, ist der Weltmeistertitel relativ egal, einzig der Busverkehr ist wegen der Autokorsos etwas eingeschränkt. Wird allerdings ein besetztes Haus in Friedrichshain geräumt, dann kann das durchaus Auswirkungen auf den Alltag auch in anderen Bezirken haben. Wer seine Nachbarschaft kennt, kann einschätzen, was passiert. Wer in einem Mittelklasseviertel in Baltimore wohnt, der hatte wohl in den letzten Wochen kaum Probleme, wer an einem sozialen Brennpunkt wohnt, der schon. Und er sollte dementsprechend vorbereitet sein.

“Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” sagt man ja, und dem würde ich hier völlig zustimmen. Mein halber Bekanntenkreis verlässt rund um den ersten Mai Berlin, und das unter anderem auch, um sich nicht plötzlich mitten in etwas wiederzufinden, wovon man nie ein Teil sein wollte. Ist man allerdings konfrontiert mit langanhaltenden Spannungen im eigenen Viertel, dann ist Verreisen nicht unbedingt eine Option, dann helfen ordentliche Vorräte und ein guter home defense plan.

Phase zwei: “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein”

Man hat sich breitschlagen lassen und ist doch mal mit zum Fußball gekommen, man will sich doch die Band aus der eigenen Jugend auf dem Dorffest ansehen, die Freundin will “auch mal unter Leute” oder man will es sich nicht nehmen lassen, auch mal was zu tun für’s gute Gewissen.

Befindet man sich in einer großen Menschenmenge, so heisst es: Head on a swivel! Selten ist Aufmerksamkeit wichtiger, als wenn es so richtig voll ist. Nicht nur entgeht man so häufig bereits der target selection Gelegenheitkrimineller, auch kann man frühzeitig erkennen, wenn etwas im Anmarsch ist. Die Stimmung von Gruppen lässt sich sehr viel schneller, einfacher und eindeutiger lesen als die von Individuen, dies gilt besonders, wenn man selbst Teil der Gruppe ist. Sobald es brenzlig wird, sollte man The Art of the Tactical Polnischer Abgang anwenden, ich arbeite momentan an einer DVD zusammen mit Magpul unter diesem Titel. Hier zahlt es sich aus, bereits vorher Routen zum Verlassen eines Ortes entwickelt zu haben und mobil zu sein, in Gruppen sollte vorher abgesprochen sein, wann man geht und warum. Und wie und wohin. Ist man nicht ortskundig, ist eine Karte unbedingt angemessen, mit seinem iPhone herumstehen und in der Kartenapp herumscrollen ist keine gute Idee, wenn um einen herum alles nur ein Gegentor, eine Festnahme oder ein paar Bier mehr davon entfernt ist, in Chaos und Gewalt auszubrechen.

Möglicherweise zahlt sich in diesem Moment ein gutes EDC bereits aus. Taschenlampe oder Erste Hilfe-Set können helfen, auch eine Kleinigkeit zu essen kommt oft gut.

Phase drei: “Ganz Berlin – hasst die Polizei!”

Irgendetwas ist schiefgelaufen. Alles ging schneller, als man gedacht hätte, oder man hat es einfach nicht mitbekommen, auf jeden Fall befindet man sich mittendrin. Die Stimmung ist mindestens gereizt, vielleicht kann man sogar das Pfefferspray schon riechen, das Blaulicht ist blended hell und an jeder Straßenecke zu sehen. Jetzt heisst es umso mehr: “Weg hier!”

Schnellstmöglich sollte man sich an den Rand der Menschenmasse bewegen, dort kann man kurz warten, bis der Großteil des Mobs weitergezogen ist, falls das nicht geht, ist man zumindest einigermaßen sicher vor plötzlichen Bewegungen in der Masse oder einer Panik. Es gilt sich unauffällig zu verhalten, man möchte schließlich nicht Opfer der bereits enthemmten Anderen zu werden.

An diesem Punkt könnte es vernünftig erscheinen, sich an einen Polizisten, diese sind meist vor Ort, zu wenden. Das kann ich allerdings nicht wirklich empfehlen. Großeinsätze sind für Polizisten Stress pur, ein absolter Scheißjob, wenn dann die Situation auch noch eskaliert, stehen die Polizisten unter noch mehr Druck. Es kann zu von außen betrachtet absolut irrationalen Verhaltensweisen kommen, das kann durchaus gefährlich für uns sein. Beispielsweise kann ein Polizist triger happy an seinem Pfefferspray sein, da er sich, gar nicht mal zu Unrecht, bedroht fühlt, oder aber man ist plötzlich Beschuldigter wegen Landfriedensbruchs, nur weil man die falschen Schuhe getragen hat. Das soll nicht als polizeifeindlich wahrgenommen werden, es soll einfach nur realistisch sein. Sollte man mit Polizisten konfrontiert sein, ist Freundlichkeit wichtig und es gilt verständlich zu machen, dass man ein “Bürger in Not” ist.

An dieser Stelle kann es sehr gelegen kommen, nicht auszusehen wie der Rest der Menschen auf der Straße. Ein Hemd und Sakko kann Wunder bewirken, wenn alle anderen schwarze Regenjacken tragen. Kein BSC Dynamo-Schal kann manchmal aber auch schon reichen. Wichtig ist es auch, nichts dabei zu haben, was noch ein Problem werden könnte. Drogen sind in meinen Augen ohnehin außen vor, ist man aber auf einer Demonstration oder einem Volksfest, kann es durchaus Sinn ergeben, den ASP-Abwehrstock oder das gute Messer unauffällig verschwinden zu lassen, auch wenn es schmerzt. Andererseits kann es sehr wichtig sein, sich wehren zu können, der Empfehlung “Messer und Pfefferspray” aus dem eingangs verlinkten Artikel kann ich mich anschließen.

Eine Taschenlampe, Wechselkleidung, Wasser zum Trinken oder Ausspülen der Augen, und festes Schuhwerk sind angebracht, genau wie ein gutes Erste Hilfe-Set. Gleichzeitig sollte der EDC-Rucksack nicht wirken, als ob sich ein Straftäter gerade vom Ort des Geschehens verkrümeln möchte, auch hier spielt das Wissen um das Wesen potentiell gewalttätiger Gruppen eine wichtige Rolle.

Auf den rechtlichen Teil einer solchen Situation möchte ich nicht eingehen, da ich dazu praktisch keine qualifizierten Hinweise äußern kann, und falsche Hinweise schnell sehr große Probleme mit sich bringen.

Ich hoffe, einige Leser mit diesen Sätzen dazu anstiften zu können, sich selbst einige Gedanken zu machen und wäre offen für eine Diskussion. Mehr Erfahrungen und mehr Köpfe tun einem solchen Prozess eigentlich immer gut.

Stay dangerous.

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One thought on “I attended some stupid riot, and all I got is beat up, arrested and sued

  1. Pingback: Was bisher geschah und was noch auf euch zukommt. | always bring a knife

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