Pfefferspray – ein Überblick

Pfefferspray ist vermutlich das in Deutschland am meisten verbreitete Mittel zur Selbstverteidigung. In unzähligen Handtaschen, Rucksäcken, Hosentaschen und Eastpak-Hüfttäschchen befinden sich die kleinen und größeren Dosen, mit dem hoffentlich scharf-brennenden Inhalt. Doch was genau ist Pfefferspray eigentlich? Und was für Unterschiede gibt es? Welches Pfefferspray ist für welchen Nutzer/welche Nutzerin geeignet? Und mit welcher Reaktion kann ich im Fall der Fälle wirklich rechnen?

Oleoresin Capsicum in einer Sprühflasche

Technisch gesehen ist Pfefferspray nicht viel mehr als ein Extrakt desjenigen Stoffes, der Chilischoten so wunderbar scharf macht: Capsaicin. Das Capsaicin wird dann in eine Sprühdose abgefüllt und ist good to go.

Wie scharf ist scharf?

Genau wie beim Essen kann auch bei Pfefferspray die Schärfe gemessen und bestimmt werden. Während meine liebste hot sauce Tapatio einen Wert von 3000 Scoville hat, man also 3 Liter Wasser bräuchte um einen ml Tapatio zu neutralisieren, haben Pfeffersprays um die 2000000 Scoville. Allein zu wissen, wie stark der Wirkstoff im jeweiligen Pfefferspray ist, reicht allerdings für einen Vergleich nicht, ebenfalls muss man die Konzentration des Wirkstoffs im Spray kennen. Multipliziert man beides, so erhält man den Scoville-Gehalt, mit dem man Pfeffersprays relativ gut vergleichen kann.

Reaktionen auf Pfefferspray

Wikipedia listet verschiedene Reaktionen auf das Besprühtwerden auf. Die Augen schließen sich plötzlich und krampfhaft und bleiben bis zu zehn Minuten lang geschlossen beziehungsweise sind schwer zu öffnen, die Schleimhäute rund ums Auge schwellen an. Es kommt zu Atemnot und Husten, und betroffene Hautpartien brennen und jucken. All diese Symptome treten mit minimalem Zeitversatz auf und halten bis zu mehreren Stunden an. Mit allen Symptomen gehe enorme Schmerzen einher, außerdem kommt es durch das plötzliche Schließen der Augen oft zu einer Desorientierung und die Atemnot löst häufig Panik aus. Insgesamt setzt oft ein Gefühl völliger Hilflosigkeit ein, wenn man von einer ordentlichen Ladung Pfefferspray getroffen wurde.

Diese Reaktion ist die gewünschte, denn ein Angreifer ließe direkt von seinem Opfer ab, wenn er hilflos mit panischer Angst auf dem Boden kauert, aber nicht immer treten die genannten Symptome auch ein. Schlechtes Treffen mit dem Pfefferspray, Wind, Kleidung oder sogar eine Brille können die Wirkung des Pfeffersprays einschränken, ebenfalls ist ein kleiner Teil aller Menschen fast immun gegen die Wirkung von Pfefferspray, in den Vereinigten Staaten geht man mittlerweile von 5% der Bevölkerung aus. Immer kann eigentlich nur von einem Verschließen der Lider ausgegangen werden, was den taktischen Nutzen von Pfefferspray vielleicht schmälert, aber es bleibt trotzdem ein gutes Mittel, wenn man es richtig einsetzt. Und mit etwas Glück, die Zahlen sind ebenfalls auf unserer Seite, wirkt das Pfefferspray sogar deutlich besser.

Rechtliches

Dank des Genfer Protokolls darf Pfefferspray nicht von Soldaten im Krieg eingesetzt werden, in Deutschland darf es nur durch Polizeibeamte gegen andere Menschen eingesetzt werden, und unterliegt darin einer klaren Reglementierung in Sachen Intensität. In Deutschland wird es trotzdem vielerorts verkauft, darf allerdings nur als “Tierabwehrspray” verkauft und genutzt werden. Während die Wirkung gegen aggressive Hunde oder andere Tiere nicht unumstritten ist, es könnte zu geradezu panischen Angriffen durch einen Hund kommen der besprüht wurde, so kann Pfefferspray im Notwehrfall auch gegen Menschen eingesetzt werden, so man es denn, hypothetisch, mitführte um Tiere abzuwehren. Dass 99% des Pfeffersprays außerhalb von tiefsten Wäldern wohl nicht gegen Tiere sondern im Notfall gegen Menschen eingesetzt werden sollen und deshalb geführt werden, ist ein offenes Geheimnis. Pfefferspray unterliegt ähnlichen Regularien wie feststehende Messer mit einer Klingenlänge unter 12cm oder Klappmessern ohne einhändige Öffnungsmöglichkeit und Arretierung; man kann es legal mitführen, muss es aber manchmal abgeben, etwa in Gerichtsgebäuden, natürlich im Flugzeug oder auf Großveranstaltungen.

“Und wenn ich mit euch fertig bin, dann burnt das!” – Erste Hilfe bei kleinen Pfeffer-Unfällen

Mit der neuen Dose Pfefferspray im Wohnzimmer herumgespielt, das Pfeffer beim Joggen im Park gegen einen wütenden Trinker und leider auch gegen den Wind eingesetzt, oder mit dem Pfefferspray ein Bier öffnen wollen, aber es öffnet sich die Dose und gibt ihren brennend heissen Inhalt an die Außenwelt ab; es gibt viele Situationen in denen man Pfefferspray abbekommen kann. Wie immer gilt es, die Ruhe zu bewahren. Das wohl beste Mittel gegen die körperlichen Reaktionen auf Pfefferspray ist kaltes Wasser, und viel davon. Man kann damit die Augen vorsichtig ausspülen, es sich über das Gesicht laufen lassen und über betroffene andere Körperteile, muss aber darauf achten das Wasser nicht an empfindliche Körperstellen kommen zu lassen, nachdem es mit dem Wirkstoff in Berührung kam. Eine Augenspülflasche kann praktisch sein, ist aber als Teil des EDCs etwas übertrieben. Auch wenn man sofort nach dem Kontakt mit dem Pfefferspray Zugang zu einer Dusche hat, so sollte man sich ausschließlich kalt duschen, warmes Wasser öffnet Poren in der Haut und das Capsaicin beginnt überall am Körper intensiv zu brennen. Capsaicin ist fettlöslich, wenn man sich also kalt abduscht, dann ordentlich einseift und dann die Seife mit kaltem Wasser abspült, ist man auf der sicheren Seite. Hat man Cremes oder Sonnenschutz auf Ölbasis auf der Haut, dann müssen diese möglichst schnell mit kaltem Wasser abgewaschen werden. Beim Waschen oder Duschen muss darauf geachtet werden, dass Wirkstoff zum Beispiel aus den Haaren nicht ins Gesicht gerät. Kontaktlinsen sollten möglichst schnell nach dem Kontakt mit Pfefferspray vorsichtig entfernt werden. Kleidung die mit Pfeffer in Kontakt gekommen ist sollte nicht mit anderer gewaschen werden, es könnte sonst später eine kleine Überraschung geben.

Fast alle Hersteller von Pfefferspray bieten mittlerweile auch als Gegenmittel angepriesene Mittelchen an, ob und wie gut diese wirken ist mir nicht bekannt. Wasser ist immer eine gute Wahl.

Augen auf bei der Pfeffer-Wahl!

Pfefferspray gibt es mittlerweile in etlichen Größen und Formen, erlaubt ist was gefällt und bequem zugriffsbereit getragen werden kann, das werden wohl meistens Dosen mit einem Inhalt von 10ml bis zu 60ml sein. Unterscheiden muss man dann noch zwischen Pefferspray, -gel und -schaum, sowie zwischen den verschiedenen Modi der Ausbringung des Sprays.

  • Pfefferspray

Pfefferspray ist das, worauf alle anderen Varianten basieren, es ist gut, oft günstiger und funktioniert. Es ist, je nach Sprühform, eingermaßen windstabil.

  • Pfefferschaum

Schaum ist gegenüber Spray deutlich windstabiler und kann besser in geschlossenen Räumen genutzt werden. Die Reichweite vergrößert sich für gewöhnlich ebenfalls.

  • Pfeffergel

Pfeffergel ist sehr windstabil, muss aber auch sehr genau eingesetzt werden. Es setzt sich dann auf das Gesicht des Angreifes und wird von diesem entweder weggewischt und gerät damit in Augen, Nase und Mund, oder läuft langsam dorthin. Aus den Vereinigten Staaten sind Fälle bekannt, in denen Kriminelle das von der Polizei gegen sie eingesetzte Pfeffergel aus ihrem Gesicht wischten und dann auf eingesetzte Polizisten warfen. Pfeffergel kann aber auch in eine behandschuhte Hand gesprüht und dann manuell ins Gesicht eines Aggressors gebracht werden, was durchaus eine praktische Option sein kann.

Pfeffergel und -schaum sind letztlich nur Verbesserungen oder Varianten von Pfefferspray mit Sprühstrahl

  • Strahl

Pfefferspray mit einem Sprühstrahl, vergleichbar mit einem Schuss aus einer Wasserpistole, besitzt eine relativ große Reichweite und relativ wenig Risiko, selbst vom Spray getroffen zu werden. Man muss es einigermaßen treffsicher einsetzen, kann dies aber notfalls auch in geschlossenen Räumen.

  • konisch

Pfefferspray, das konisch gesprüht wird, ist meist nur in großen Dosen zu bekommen. Es besitzt etwas weniger Reichweite als ein Strahl, besitzt dafür aber deutlich mehr Output und trifft eine deutlich größere Fläche. Es besteht aber auch eine deutlich größere Gefahr, selbst Pfefferspray abzubekommen. Es ist vergleichbar mit dem Verhalten einer Farbsprühdose, nur mit mehr Reichweite.

  • Nebel

Pfefferspray als Nebel bringt in sehr kurzer Zeit sehr viel Capsaicin in die Luft und ans Ziel, leider aber auch sehr schnell ins eigene Gesicht. Außerdem muss man relativ nah am Angreifer sein, um es effektiv nutzen zu können. Nebel bleibt in der Luft einige Zeit stehen, kann also auch genutzt werden, um Räume oder Flure unpassierbar zu machen.

Meine Empfehlung

Personal im Sicherheitsbereich ist sicherlich mit Pfeffergel, -schaum oder einem guten Spray mit Strahl-Output gut beraten. Für alle anderen empfehle ich durchaus auch Sprühnebel. Große Distanz hat man zwischen sich und einem Angreifer nur sehr selten und mit Sprühnebel hat man die aggressivste und eine potentiell überwältigende Form von Pfefferspray. Letztlich ist auch hier erlaubt was gefällt, es funktioniert alles, wenn man es denn richtig einsetzt.

Wichtig ist auch im Umgang mit Pfefferspray die richtige Grundlage, das mindset. Zu diesem Thema haben viele deutlich klügere Menschen als ich klüge Bücher geschrieben einige davon habe ich hier und hier reviewt. Darüber hinaus ist Pfefferspray am Nützlichsten als Teil eines guten, ausgewogenen skillset zur Selbstverteidigung, da von viel mehr als einem kurzen Verharren des Angreifers mit geschlossenen Augen nicht ausgegangen werden kann.

Ist man sich dessen bewusst und dazu in der Lage situativ zu entscheiden, ab wann die Flucht sicher möglich und der Aggressor außer Gefecht ist, dann ist Pfefferspray ein sehr gutes, sozial akzeptiertes Mittel zur Selbstverteidigung, das gleichzeitig als nicht-tödlich und relativ wenig eskalativ gesehen wird.

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2 thoughts on “Pfefferspray – ein Überblick

  1. Pingback: Review: Pfefferspray von First Defense | always bring a knife

  2. Pingback: Liberty Links 03/2016 - PEACE LOVE LIBERTY

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