Zehn Gründe, warum ein MMA-Gym eine gute Wahl in Sachen Selbstverteidigung sein kann

In diesem Blogpost mit herrlichem Clickbait-Titel möchte ich einige Gedanken zum Thema Selbstverteidigung, der alten Debatte “Sport oder Straße” und gutem Training formulieren.

Viele, die sich aus irgendeinem Grund dazu entscheiden, die eigene Wehrhaftigkeit zu verbessern, suchen sich in relativer Nähe eine Schule oder ein Gym, wo dann etwas gelehrt wird, das unter dem Label “Selbstverteidigung” läuft. Wer sich einigermaßen intensiv mit dem Angebot zum Thema auseinandergesetzt hat, dem ist klar, dass es massive Unterschiede zwischen Trainern, Schulen und Systemen geht. Es gibt beinahe alles, gute und fähige Trainer die ihren Schützlingen gute Kenntnisse und eine solide Grundlage vermitteln, Unternehmer die mit endlosen Lehrgängen und Seminaren gutes Geld machen, ohne dass man sich tatsächlich wehren könnte, wäre es nötig, und zuletzt esoterische Kampfkünste und die passenden Trainer in schnieken Anzügen mit dem x-ten Dan in geheimen und tötlichen Druckpunkttechniken.

Es ist natürlich für jeden möglich, einen guten von einem schlechten Trainer zu unterscheiden, aber dafür benötigt man durchaus Zeit und Motivation. Wer auf diesen Kessel Buntes keine Lust hat, dem möchte ich den Gang in ein gutes MMA-Gym nahelegen.

Ich selbst habe “damals” mit Krav Maga angefangen, habe mich aber nach einigen Jahren dann dazu entschieden, den sportlichen Weg einzuschlagen und das auch nie bereut. Ich präsentiere nun zehn Gründe dafür, dass das so ist. Nichts hiervon möchte ich als Angriff auf SV-Trainer, -Schulen oder -Systeme verstanden wissen.

1. Techniken und Konzepte, die wirklich funktionieren

Selbstverteidigungstechniken entstehen oft im beinahe luftleeren Raum, wie oft sie wirklich eingesetzt wurden ist unklar, weil man sie entweder nur im Notfall einsetzt und dieser natürlich nicht oft eintritt, oder aber weil sie so “tödlich” sind, dass ein Test nicht möglich ist. Wer etwas im Rahmen eines vernünftigen MMA-Trainings lernt, der lernt etwas, das von Unzähligen Praktizierenden der jeweiligen “Untersportart” und anderen MMA-Trainierenden genutzt wird, in unzähligen Sparringseinheiten und Kämpfen in Ring oder Cage getestet wurde und sich irgendwie durchgesetzt hat. Auf so einen so großen Pool von trial and error wie BJJ, Boxen oder Ringen kann kein SV-System zurückgreifen.

Gleichzeitig lernt man für gewöhnlich den Jab von einem Boxtrainer, die Armbar von einem BJJ-Coach und das Clinchen häufig von einem guten Ringer. Das führt oft zu einer höheren Qualität der jeweiligen Technik im Detail, als wenn ein Trainer alles vermitteln muss, und oft selbst die Technik nur einigermaßen beherrscht, sie aber konzeptionell nicht einbinden kann.

2. Stand, Boden und Clinch werden gleichmäßig und verzweigt gelehrt

Es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass man in Sachen Selbstverteidigung am Bodenkampf und damit am oft sportlich geprägten Grappling nicht vorbei kommt. Während das in den MMA völlig klar ist, spätestens seit UFC 1, spricht es sich in der SV-Szene erst langsam herum. Viele beziehen mittlerweile Grappling in ihr Selbstverteidigungstraining mit ein, manche hängen aber auch weiter an ihrem “Antigrappling”, welches nicht funktioniert. There, I said it. So löblich die Tendenz zum SV-lastigen Grappling ist, oft kommt das Thema trotzdem zu kurz. Es ist für Anfänger nicht sehr attraktiv, das Training ist anstrengend und komplex. Ein Trainer, der sich selbst das Thema langsam erschließen muss, kann außerdem nicht in der gleichen Tiefe Techniken am Boden leeren, wie ein BJJ-Blackbelt. Außerdem fehlt oft die Eingebundenheit des Bodenkampfes in ein großes Ganzes, sowie der Übergang vom Standkampf zum Boden und die absolute Nahdistanz im Stand, also der Clinch.

3. Offenere “Qualitätsstandards”

Es ist oft schwierig zu erkennen, ob das System, welches gerade gelehrt wird, gut ist oder nicht, ober der Trainer wirklich fähig ist oder nur einigermaßen, und natürlich sowieso, ob nun Ninjutsu oder Systema besser ist.

Ist man auf der Suche nach einem MMA-Gym, so ist diese Einschätzung oft einfacher. Kämpfen die Trainierenden aus dem Gym regelmäßig? Vielleicht sogar eingermaßen erfolgreich? Bestehen Netzwerke zwischen dem jeweiligen Trainer und anderen? Vielleicht sogar international? Wie ist die Meinung in einschlägigen Foren?

Diese und andere Fragen können es sehr vereinfachen, aus der Fülle der Angebote im MMA eines auszuwählen. Mit etwas Glück sterben die schlechten MMA-Gyms langsam aus und werden durch gute ersetzt, der Markt regelt “sowas” ja angeblich…

4. Sportpädagogische und sportwissenschaftliche Methoden

Es sind zwar nicht viele, aber es gibt sie noch, die SV-Trainer die sich reichlich wenig Sorgen um ihren Sport als Sport machen. Da ist es dann völlig egal, welche Form von Training in welchem Fall angebracht ist, man macht lieber immer das ungefähr Gleiche, hat ja bisher auch funktioniert…

MMA ist mittlerweile ein Sport, in dem man an der Sportwissenschaft nicht mehr vorbeikommt. Es ist zwar unmöglich, das exakt passende Training für jeden Trainierenden durchzuführen, aber einige Gedanken in diese Richtung können schon sehr viel bewirken.

Dort, wo man auch als Trainer als noch stetig lernt, sich verbessert und im Austausch steht, ist auch pädagogisch oft ein hohes Niveau zu finden. Während man sich als Schüler immer nach seinem Meister richten muss, kann ein Trainer auch mal etwas ganz anders erklären. Bis es auch der letzte auf der Matte verstanden hat.

5. Ein motiviertes Team

Was meine Entwicklung im Krav Maga damals leider sehr gehemmt hat, war der stetige Fluss von frischen Trainierenden auf die Matte, und nach einigen Monaten wieder herunter. Vielleicht war ein kleines Trauma aufgearbeitet, die Motivation versiegt oder sie dachten wirklich, sie könnten sich jetzt “so richtig” wehren. Wenn man regelmäßig nur mit “frischen” Partnern trainieren kann ist es schwierig, eine gute Tiefe ins eigene Training zu bringen. Das Einarbeiten von Menschen ohne Erfahrung ins Training und dann auch ins Team ist extrem wichtig, hier möchte ich nicht falsch verstanden werden, wenn aber die Grundlagen bei einem Großteil potentieller Sparringspartner fehlen, dann hemmt das die eigene Entwicklung. Ein anderes Problem ist oft die mangelnde Motivation. Die Bereitschaft zu hartem Training war leider nicht bei allen vorhanden, mit denen ich schon Partnerübungen machen musste. Kommt man allerdings zusammen aus Liebe zum Sport oder gar für den eigenen sportlichen Erfolg, dann mangelt es fast nie an Einsatz, Hilfsbereitschaft und irgendwann auch schlicht an guten Freunden.

6. Gutes Sparring

Sparring ist integraler Bestandteil des MMA-Trainings und muss auch ein solcher sein, wenn man für die eigene Sicherheit trainiert. Mittlerweile wird auch in der Selbstverteidigung gern und viel gesparrt, es bleiben aber zwei Probleme: Erstens sind oft Techniken vom Sparring ausgeschlossen, entweder weil sich niemand gerne ins Genital schlagen lässt, was durchaus nachvollziehbar ist, oder aber, und dann ist es Zeit zu gehen, weil sie so dermaßen gefährlich und lethal sind, dass sie nur im äußersten Ernstfall benutzt werden dürfen. Zweitens fehlt oft eine gesunde Selbsteinschätzung, wieviel Kontakt gerade angebracht wäre und wieviel gerade Sache ist. Sparring ist recht sinnfrei, wenn es immer nur extrem gehemmt und fast kontaktlos durchgeführt wird, gleichzeitig ist ein Hau Drauf-Sparring nicht nur sinnfrei sondern auch gefährlich. Im Sparring geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren, es geht um das gemeinsame Lernen, und das ist oft nicht so einfach zu vermitteln.

7. Arbeit unter Druck

An seine eigenen Grenzen gehen ist mehr als nur Bauchmuskeltraining bis zum Erbrechen. In einem MMA-Gym ist man regelmäßig konfrontiert mit der eigenen Ermüdung, besseren, stärkeren Gegnern und dem beinahe unlösbaren Problem, auch mal einen Schlag ins Ziel zu bringen. Das Arbeiten unter Druck, und damit das Lernen, dass man auch müde und möglicherweise benachteiligt noch lange nicht verloren hat, ist extrem wichtig. Wer zwar mit müden Armen drillt, aber nie in der fünften Minute unter einem deutlich schwereren Gegner in der Sidemount gelegen und trotzdem noch eine Submission hinbekommen hat, der hat nur die eine Hälfte gelernt. Die eigene mentale comfort zone zu verlassen ist im MMA unumgänglich, in einem SV-Kurs sind aber viele nicht dazu bereit, sondern möchten lieber Rocky-eskes Training nach dem Drillen.

8. Es wird mehr aufeinander geachtet

Potentielle Wettkämpfer gehen völlig anders miteinander um, wenn sie einmal erfahren haben, wie entmutigend, zermürbend und unnötig eine Verletzung in der Wettkampfvorbereitung sein kann. Dass man füreinander verantwortlich ist, wird einem im Team schnell klar, wenn man aber nur ab und an miteinander trainiert und ein verstauchter Knöchel höchstens ein Grund ist, nicht zur Arbeit zu gehen und stattdessen zuhause Homeland zu schauen, nicht. Wer außerdem weiss, was er anrichten kann, wenn er unkontrolliert sparrt, der wird genau das nicht tun.

9. Weniger Ego

Die erste Erfahrung im MMA-Training ist eigentlich immer völlige Hilflosigkeit, weil man keine Ahnung hat, was gerade zu tun ist. Alle Trainingspartner sind besser geschult, oft stärker und ausdauernder, das eigene Repertoire ist schnell erschöpft und dann beginnt die Panik. Das ist der Punkt, von dem aus man gut lernen kann und ohne Ego miteinander trainieren. Man begegnet sich auf der Matte als Gleiche, gleich in der Verletzlichkeit und in der Erfahrung, mal ganz unten angefangen zu haben. In der SV hingegen wird auch neuen Trainierenden sehr häufig vermittelt, dass sie in jeder Stunde Training der totalen Unbesiegbarkeit ein gutes Stück näherkommen. Das liegt nicht zuletzt an dem Marketing vieler Systeme, in denen Scheitern keine Rolle spielt und das vor allem ein tough guy-Image vermitteln soll. Wer denkt, “extrem krass” zu sein, wird in einem MMA-Gym schnell vom Gegenteil überzeugt, in einer SV-Butze wird diese falsche Selbstsicht oft nicht in Frage gestellt.

10. Ordentliches Equipment

Wer einen großen Teil seiner Freizeit in seinen Sport investiert, dem ist klar, dass ordentliches Equipment schlicht und ergreifend absolut notwendig ist. So gerne auch ich mich in tollen neuen Handschuhen verliere, selbst der geizigste MMA-Trainierende kommt irgendwann nicht mehr guten Handschuhen, Schienbeinschonern, einem guten Mundschutz und dergleichen nicht vorbei. Auch viele, denen es um Selbstverteidigung geht, investieren irgendwann in eine gute Ausstattung, wer das Training aber ohnehin nur ein paar Monate lang macht, der kauft sich oft nichts Gutes. Ich persönlich habe schon Leute erlebt, die monatelang mit den stinkigen Handschuhen für Probetrainings gesparrt haben, Leute mit billigen Gerätehandschuhen von Karstadt statt gut gepolsterten, oder auch mit Turnschuhen auf der Matte, die aussahen als seien sie nach dem letzten Tough Mudder nicht geputzt worden…

Zusätzlich dazu ist man im MMA häufig umsichtiger, was seine Sportkleidung angeht. Reissverschlüsse an Hosen, Hosentaschen oder ähnliches kommen da gar nicht erst in Frage. Das Bewusstsein für ansteckende (Haut)Krankheiten ist im MMA außerdem allgegenwärtig, wer aber im VHS-Kurs “Krav Maga für Anfänger” schonmal vom kreisrunden Ringerpilz gehört hat, der kann sich gerne bei mir melden und bekommt eine Club Mate…

Fazit und bro tip

Natürlich hinterlässt das MMA-Training Lücken. Es wird nicht mit Waffen trainiert, es geht nicht wirklich um Notwehrrecht oder die mentale Seite der eigenen Sicherheit (Stichwort mindset) und was gegen die Regeln ist, wird für gewöhnlich nicht behandelt. Viele Trainierende, die ihr eigenes Training und Wissen wirklich ernst nehmen, sind längst dazu übergegangen, sich ihr Können und ihr Training aus mehr als nur einer Quelle zusammen zu suchen (Stichwort multidisciplinary approach). Wer die Zeit und Mühe investieren möchte, MMA zu ergänzen mit waffenbasierten Systemen, einer guten Schulung in Sachen situational awareness, einer ordentlichen Prise Boshaftigkeit und stetiger Reflexion über das eigene Vermögen sich zu wehren, dessen Schwachstellen und Stärken und der Bedeutung des vor einem liegenden Trainings, der wird, so denke ich, mit einer soliden Grundlage in den mixed martial arts nichts falsch machen, sondern eher einigen Fallstricken der Selbstverteidigung aus dem Weg gehen.

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