Review: Ned Beaumont – “Championship Streetfighting, Boxing as a Martial Art”

How to make a fist

Wie mache ich eine Faust?

Schon vor einigen Monaten stieß ich, eher zufällig, auf Ned Beaumonts Buch “Championship Streetfighting” im Verlag Paladin Press. Paladin Press verlegt etliche Bücher und DVDs, größtenteils passen diese thematisch in einen “taktischen” Kontext, drehen sich also um Selbstschutz/-verteidigung, (Schuss)waffen oder Militärgeschichte. Ich habe irgendwie immer das Gefühl, dass Bücher aus diesem Verlag entweder wirklich spannend sind, oder aber derart obskur, dass man sie nur als Liebhaber auch nur ansatzweise interessant finden kann. Vielleicht bin ich aber auch einfach Liebhaber einiger Themen…

Beaumonts Buch verspricht einen Einblick in die Welt des Boxens, der es dem Leser ermöglichen soll, die Stärken des Sports Boxen in sein SV-Repertoire aufzunehmen. Das gelingt Beaumont ein Stück weit, dies ist aber, finde ich, nicht der Grund, das Buch zu lesen.

“Championship Streetfighting” umfasst knappe 200 Seiten und einige Dutzend Illustrationen. Beaumont, über den wir im Buch nicht wirklich viel erfahren, beginnt sein Buch mit einem Plädoyer für das Boxen als Mittel zur Selbstverteidigung. Das erste Kapitel stellt die Geschichte und die Vorzüge des Boxens gut heraus, allerdings vergreift sich Beaumont doch etwas im Ton, wenn er über Kampfkünste spricht. Vielleicht ist der Markt (oder besser “die Szene”?) in den Staaten eine andere oder vielleicht habe ich einfach nicht genug schlechte Erfahrungen mit zweifelhaften Kampfkünstlern gemacht, ich muss jedenfalls nicht immer wieder lesen, dass diese minderwertig sind, wenn man sich mit ihnen verteidigen möchte. Auch wenn es vermutlich stimmt.

Im Buch werden vier Prinzipien genannt, die angeblich das Boxen zu einem extrem guten Mittel machen, diese sind:

  1. controlled aggression
  2. momentum equals maximum force
  3. taking a punch
  4. combinations

Der erste Punkt leuchtet schnell ein, erlauben doch einigermaßen gute Kenntnisse des Boxens es, einen Angreifer mit einem probaten Mittel abzuwehren. Es ist nicht immer nötig, einen angetrunkenen Hitzkopf ins Krankenhaus zu prügeln, oft reicht eine schöne Fürhand unter’s Auge oder ein Leberhaken, oder mit den Worten des großartigen Paul Sharp: “Für 95% aller physischen Auseinandersetzungen braucht man nicht mehr als eine gute 1-2-Kombination.”

Der zweite Punkt ist ein Loblied auf die Schlagtechnik im Boxen. Ich würde Beaumont in diesem Punkt definitiv nicht widersprechen, härter als ein guter Boxer schlägt tatsächlich niemand.

Punkt drei ist ziemlich zentral. Wer Boxen trainiert, der lernt recht schnell das Gefühl kennen, wenn ihm “ordentlich eingeschenkt” wird. Spätestens im Sparring lernt man mit Schlägen umzugehen, ruhig zu bleiben und dass die Lichter schon ganz aus sein müssen, damit man wirklich nicht mehr agieren kann. Wer praktisch nie sparrt, der wird diese Erfahrungen wohl erst im Ernstfall machen, wenn überhaupt.

Punkt vier schließlich ist ziemlich simpel: Die Kombinationen im Boxen sind extrem nützlich, gerade durch die Art und Weise wie Schläge kombiniert werden, und man findet derartige Muster nur in wenigen anderen Kampfkünsten oder Kampfsportarten.

Diese vier Punkte sind, wie ich finde, durchaus überzeugend, um das Boxen für die Selbstverteidigung in Betracht zu ziehen. Wer dies nicht findet, der hat sich dieses Buch vermutlich gar nicht erst gekauft…

Im Folgenden beschreibt Beaumont recht gut die Grundlagen des Boxens. Ein Kapitel widmet er der Faust und dem Boxhandschuh, sowie der Kunst sich nicht die Mittelhandknochen zu brechen, ein weiteres der Physik im Boxen, er beschreibt die einzelnen Schläge, die Deckung, die Schrittstellung, das Sich Bewegen, das Abwehren von Schlägen und wie man ihnen ganz ausweichen kann. Diese Informationen sind häufig gut bebildert und leicht verständlich. An einigen Stellen entscheidet Beaumont sich für eine Seite in Konflikten innerhalb des Boxsports, wenn er etwa rät mit jeder Führhand einen Schritt nach vorne zu verbinden, oder bei der Handhaltung für den Kopfhaken, aber das sind Details, die die Nützlichkeit seiner Ausführungen nicht einschränken. Das Buch gibt einen wirklich guten Einblick in die Technik hinter dem Boxen und ist auch für völlige Anfänger gewinnbringend zu lesen.

Was dann folgt ist ein Kapitel über die “dreckigen Tricks” im Boxen. Beaumont beschreibt Dinge, die mittlerweile im Ring verboten sind, genau so wie Techniken oder Prinzipien, die nie ihren Weg in den Ring geschafft haben. Dass er sich auf ein Kapitel mit diesem Inhalt beschränkt ist eine Stärke dieses Buches, da er so nicht in die Falle geheimer, tödlicher Techniken “nur für die Straße” tappt, sondern sie als Optionen vorstellt, falls die Auseinandersetzung eine derartige Intensität hat.

Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel über das Training vieler Boxer inklusive Beschreibungen von Arbeit an verschiedenen Geräten im Boxen, Kraft- und Ausdauertraining, sowie ein Kapitel mit weiteren lesenswerten Büchern über das Boxen oder die Selbstverteidigung, jeweils versehen mit einigen Sätzen zum Buch.

“Championship Streetfighting” ist mit diesem Inhalt bereits eine gelungene Einführung in den Boxsport, mit Fokus auf die Anwendung im persönlichen Notfall. Den Charme des Buches machen aber die vielen Anekdoten aus, die Beaumont, offensichtlich ein Kenner und Freund der Boxhistorie, einbaut. Es finden sich immer wieder kleine Abschnitte, die eigentlich alle sehr unterhaltsam sind, aus den längst vergessenen Zeiten des Boxens. Boxen hat nicht mit Mike Tyson angefangen, schon gar nicht mit Vincent Feigenbutz (völlig unverdienter Sieg gestern…), und auch nicht mit Cassius Clay. Das Boxen ist ein uralter Sport und die Traditionen des Boxens, besonders in den Vereinigten Staaten, und ihre Bedeutung für das Boxen heute kann Beaumont in seinem Buch schön vermitteln. Selbst wer technisch oder taktisch nicht viel aus diesem Buch lernt, die Anekdoten sind den Preis und die Lesezeit allemal wert.

Fazit

Wer sich mit den Grundlagen des Boxens auseinandersetzen möchte, oder wer sich diese und ihren Nutzen “auf der Straße” nochmal vor Augen führen möchte, dem kann ich dieses Buch wirklich ans Herz legen. Wem das Boxen ohnehin schon am Herzen liegt, dem kann ich “Championship Streetfighting” auch empfehlen, eben weil es so schön die Skurrilitäten, Stärken und die Giganten, auf deren Schultern wir heute stehen, aus der Geschichte dieses wunderbaren Sports beleuchtet.

PS: Beaumont hat auch einige sehr skurrile Bücher veröffentlicht, die ich nicht gelesen habe und dies auch nicht tun werde. Diese Werke mindern nicht die Qualität dieses Buches, bestärken aber mein Bild von Paladin Press…

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