The Hipster took my Morning Joe, oder: Warum sind da Wellen in meinem Kaffee?

Wer in letzter Zeit in Berlin oder Hamburg nach einem Café gesucht hat, oder gar im Urlaub in den vereinigten Staaten gewesen ist, dem werden trendige Cafés mit dem Label “third wave coffee” aufgefallen sein. Was ist third wave coffee? Und was sind die beiden anderen Wellen? Und sind diese Leute wirklich alle Holzfäller, obwohl sie überhaupt nicht so wirken?

Der Begriff des third wave coffee ist in den frühen 00er Jahren in den vereinigten Staaten entstanden, als man dort über einen neuen Kaffeetrend schreiben wollte. Dieser neue Trend wurde ausgelöst durch eine wachsende Zahl kleiner Cafés, die nicht zu einer Kette gehörten, die ihren Kaffee entweder komplett selbst rösteten oder ihn aber nach ihren Vorstellungen in kleinen Mengen rösten ließen. In diesen Cafés zelebrierte man nicht nur die eigene Unabhängigkeit von Konzernen und bösen Kapitalisten, mittlerweile ist beides überholt, sondern auch hochwertigen Kaffee auf einer ganz neuen Ebene.

Die erste Welle des Kaffeegenusses, die es natürlich geben muss wenn es nun eine dritte gibt, wird verkörpert durch Marken wie Folgers in den USA und Tchibo oder Eduscho in Deutschland; Kaffee war für viele, wenn nicht sogar alle, zugänglich und bezahlbar, es gab eine gewisse Qualitätskontrolle und durch die Monopolstellung einiger weniger Marken kam es zu einer gewissen Standardisierung des Geschmacks von Kaffee. Kaffee wurde in der first wave-Zeit zu einem Volksgetränk, das Energie für Büro und Fabrik gab, oder für den eigenen Haushalt oder den Bauernhof, und zusätzlich dazu einen gewissen heimeligen Komfort sorgte, besonders in Kindheitserinnerungen und kitschigen Memoiren. Guter Kaffee war damals Kaffee mit dem Standardgeschmack, man konnte sich aber noch entscheiden ob und wieviel Zucker oder Milch man hinzugab.

Die erste Welle ist noch lange nicht vorbei, wer daran zweifelt der muss nur mal bei Oma und Opa zum Kaffeetrinken bleiben oder in einer Kantine einen Kaffee zum Bullettenbrötchen nehmen. Trotzdem schwappt schon seit längerem die zweite Welle über die Welt. Die second wave ist stark beeinflusst von der italienischen Kaffeekultur, man entdeckte plötzlich den Espresso nicht nur als konzentrierten Kaffee sondern auch als Grundlage für andere Kaffeekreationen, besonders gerne mit aufgeschäumter Milch. Cappuccino und Latte Macchiato traten recht schnell ihren Siegeszug an, spätestens durch die massive Expansion von Starbucks und ähnlichen Ketten bekommt man sie auch auf dem platten Land. Die Möglichkeiten, den Kaffee an seinen Geschmack anzupassen, wurden plötzlich endlos. Wieviel Milch auf wieviel Kaffee? Was für Milch? (In diese Zeit fällt wohl auch die Entdeckung der Laktoseintoleranten als Zielgruppe.) Darf es vielleicht noch ein Schüsschen Aromasirup sein? Diese Entwicklung führte sich irgendwann selbst ad absurdum, als riesige Ketten an unzähligen Standorten identisch schmeckende Produkte anboten, die mit Kaffee nur noch entfernt zu tun haben. (Here’s looking at you, Pumpkin Spice Latte…)

In diesem Moment traten dann junge, elitäre Menschen auf den Plan, die alle goldenen Kälber in Sachen Kaffee schlachten wollten, die aber auch mit allen Dingen nur derart ironisch umgehen konnten, dass sie nicht dazu in der Lage waren, sich in ihrem eigenen Tun nicht völlig ernst zu nehmen. Es entstand eine Nachfrage nach Cuppings, Kaffee-Tastings analog zur Weinprobe, sehr begabte Menschen forschten und probierten viel, was zu Kaffee von bisher beinahe ungekannter Qualität führte, leider entstand aber auch in der Kaffeewelt der Archetyp des Snobs, des eingbebildeten Fachidioten, der nur glücklich sein kann, wenn er sich als Teil einer Avantgarde profilieren konnte. Wie so oft sind diejenigen, die wirklich Ahnung von ihrem Thema haben, sehr angenehme Menschen, aber third wave-Cafés ziehen leider trotzdem nervige Menschen, die sich nur als Holzfäller ausgeben wollen, an.

Mit dem verbreiterten Fokus der dritten Welle ist es mittlerweile möglich, extrem viele verschiedene Kaffees zu kaufen und zu probieren, das Know-How ist dank des Internets allgemein zugänglich und es steht so gutem Kaffee nichts mehr im Weg, wenn man sich einmal entschieden hat, sich etwas Zeit dafür zu nehmen, die eigenen Kaffeevorlieben zu entdecken.

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