Interview mit Ed Calderon

Ed Calderon behind a butcher's counter

Ed bei der Arbeit.

Mittlerweile ist das Internet nicht mehr arm an “taktischen Superstars”, aber nur wenige von ihnen haben einen so interessanten und undogmatischen Output wie Ed Calderon von Ed’s Manifesto (tumblr/Facebook). Ich hatte vor kurzem die Möglichkeit, Ed einige Fragen zu stellen und kann euch jetzt das erste Interview auf diesem Blog präsentieren…

bringaknife: Zu allererst, wer bist Du? Womit verdienst Du Dein Geld und was tust Du in Deiner Freizeit?

Ed Calderon: Mein Name ist Ed Calderon, ich bin 33 Jahre alt, geboren und aufgewachsen bin ich in Tijuana, der Stadt an der nördlichen Grenze Mexikos. Große Teile meiner Jugend habe ich mit dem Reisen verbracht, und damit in Schwierigkeiten zu geraten. Ich habe einige Jahre aus meinem Rucksack gelebt, an verschiedenen Orten in Mexiko und den Vereinigten Staaten.

Nachdem ich alt genug für eine militärische Karriere war, habe ich es etwas ruhiger angehen lassen und die Grundausbildung über mich ergehen lassen. Ich wurde dann in eine neu gegründete Unterorganisation der Polizei rekrutiert, die gezielt an der Grenze zu den USA arbeiten sollte. Meine Sprachkenntnisse waren es, die mich damals für diesen Job prädestiniert haben.

Ich habe direkt mit Einheiten gearbeitet, die gegen Drogenhandel und Entführungsringe wirken sollten, sowie Personenschutz für Offizielle geleistet, die besonders gefährdet waren.

Ich hatte die Möglichkeit spezialisiertes Training in Sachen Anti-Kidnapping, Personenschutz, urbane Operationen und Anti-Terror in den Vereinigten Staaten und in Mexiko zu bekommen, unter anderem sogar in Coronado, Kalifornien, organisiert durch das Department of the Navy (einiges davon das beste Training, das ich je erhalten habe).

Mir wurde irgendwann klar, dass mir spezielles Training fehlt, dass meine eigene Sicherheit behandelt, besonders angesichts des Gefahr, von einer der etlichen kriminellen Organisationen gegen die ich arbeitete entführt zu werden. Nachdem einige Kollegen von mir entführt wurden, entschloss ich mich, nach Möglichkeiten zu suchen.

Klassisches SERE-Training war mein erster Anlaufpunkt und ich besuchte einige Lehrgänge in den Staaten. Das Problem mit diesem Training war, dass es sich nicht auf meine Situation bezog, sondern auf die Situation einer ausländischen Operativkraft, die einen Weg aus einem non permissive environment sucht.

Die Realitäten, auf die meine Anti-Entführungsmethoden aufbauen sollten, mussten eher krimineller Natur sein, nicht zuletzt weil wir in Mexiko nicht mit organisierter Kriminalität konfrontiert sind, sondern auch mit korrupter Polizei und sogar korrupten Militärs. Viele Dinge, die ich entwickelt habe und lehre, beziehen sich darauf, eine Festnahme durch die Polizei zu verhindern, und basieren oft auf den Strategien Krimineller, die ich entweder qua Fallstudie oder durch den Kontakt zu Menschen, die in genau diesem Milieu leben, gewonnen habe. Es war mir wichtig, an einigen sehr gefährlichen Orten zu lernen und ich habe mich nie gegenüber einer Möglichkeit verschlossen, etwas zu lernen, auch wenn viele andere diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen würden.

Ich habe viel riskiert um zu lernen, was ich mittlerweile weiss und das alles ist für mich immer in einer Entwicklung begriffen.

Ich habe ebenfalls nach Techniken für den Messerkampf und den waffenlosen Kampf gesucht, um meine Grundlagen in Thai-Boxen und Combatives zu verbessern. Ich habe weit und breit gesucht und Libre Fighting System war schließlich das, wonach ich gesucht habe.

Ich arbeite hauptberuflich für die mexikanische Regierung, zusätzlich dazu unterrichte ich international recht spezielle Kurse, besonders für Anti-Entführungstechniken, den Einsatz verschiedener Waffen und zusätzlich dazu ein recht unorthodoxes System für den waffenlosen Kampf.

In meiner Freizeit lasse ich meinen inneren Nerd zur Geltung kommen, Filme und Graphic Novels sind mein Steckenpferd.

bak: Könntest Du uns einen typischen Tagesablauf für Dich schildern? Und was machst Du, während Du diese Fragen beantwortest?

EC: Ich wache um fünf Uhr morgens auf und höre mir lokale und globale Nachrichten im Radio an während ich mich fertig mache. Dann mache ich etwas Tabata-Training.

Um sechs verlasse ich das Haus und bekomme einen kurzen Bericht über lokale kriminelle Vorfälle von unseren Nachrichtendiensten.

Um sieben gibt es ein Briefing und wir kümmern uns um unsere Waffen, unsere Kommunikationsmittel und unsere Fahrzeuge.

Wir bekommen spezielle Ziele, Personen, Häuser, Autos, potentielle Rückzugsorte Krimineller. Wir sind dann sozusagen eine schnelle Eingreiftruppe in der Stadt, in der wir eingesetzt sind. Wenn irgendwo etwas schlimmes passiert, kümmern wir uns darum. Wir folgen sehr häufig anonymen Hinweisen oder Hinweisen unserer Nachrichtendienste.

Wir arbeiten, bis uns die Ziele ausgehen. Manchmal für mehrere Tage am Stück, mit nur sehr wenig Schlaf, das ist oft völlig wahnsinnig. Manchmal ist es aber auch monoton und langweilig. Aber man weiss nie, wann der Funkspruch reinkommt und wir auf einmal mittendrin sind.

Normalerweise arbeite ich einige Wochen weit weg von Zuhause und habe dann ein paar Tage frei. Dann geht’s weiter.

Angefangen das hier zu schreiben habe ich auf einem Heli-Landeplatz, während unsere Luftfahrttechniker den Helikopter gewartet haben, mit dem wir in einigen Stunden fliegen werden. Fertig wurde ich dann mit einem großartigen Espresso auf dem Tisch, immer noch am Landeplatz.

bak: Du bist bekannt für Deine Expertise im Feld urbaner SERE und Bedrohungsabwehr, war sind die Dinge, die Du tust wenn Du an einen neuen Ort kommst, die auch für einen ganz normalen Reisenden wichtig sein könnten?

EC: Ich sehe mich nicht als SERE-Trainer, ich bin eher in der Arbeit gegen Entführungen heimisch und das habe ich aus anderen Quellen gelernt als aus den klassischen SERE-Modulen des Militärs.

Wenn ich an einen noch unbekannten Ort reise, recherchiere ich vorher relativ viel. Ich sehe mir an, was es vor Ort für kriminelle Gruppen und Organisationen gibt und wie sie vorgehen (Waffen, Uniformen, Handschellen, Autos, …), ich sehe mir aber auch an, wie Polizei und Militär vor Ort ausgestattet sind und wie sie auftreten, und dann auch noch, ob man ihnen vertrauen kann.

Zusätzlich dazu versuche ich einen Überblick über das politische Klima zu bekommen, einfach um die Lage besser einschätzen zu können.

Ich versuche Fortbewegungsmittel zu finden, die sicher und zuverlässig sind und suche nach öffentlichen Verkehrsmitteln, für die das gleiche gilt. Ich suche auch nach Krankenhäusern oder Tierkliniken, falls ich etwas improvisieren muss. Und nach Orten, an denen ich notfalls an Waffen gelangen könnte.

Ich versuche immer ein Hotel oder eine andere Herberge zu finden, die relativ nah an einem sicheren Ort, etwa einem Regierungsgebäude, ist. Und ich versuche einige Fluchtwege zu haben, zu Land, zu Wasser und in der Luft.

Mein bester Tipp für alle Reisenden ist es, mit seinem Smartphone immer mindestens zwei Personen zuhause mitzuteilen, wo man gerade ist und was man tut, und diesen bereits vorher Anweisungen zu geben, falls etwas passiert. Fotografiert alles, was euch komisch vorkommt, das Nummernschild des Taxis, die Nummer eures Hotelzimmers und schickt all das an die beiden Kontakte zuhause. So hinterlasst ihr eine gute Spur, falls ihr tatsächlich in Schwierigkeiten geratet.

Nehmt die ganze Zeit alles um euch herum wahr und vertraut niemandem. Ihr solltet immer die Kontaktdaten eurer Botschaft zur Hand haben und den Weg dorthin kennen.

bak: Abseits von Libre, was sind Deine wichtigsten Einflüsse? Wo versuchst Du neue Anregungen zu finden, um besser zu werden?

EC: Meine Grundlagen kommen aus dem Muay Thai und einigen anderen Methoden, ich hatte auch intensiv Kontakt zu sehr traditionellen japanischen Kampfkünsten, die in mein waffenloses Material einfliessen. Wichtig ist außerdem der Einfluss von Lloyd De Jongh und seinen Messermethoden aus Südafrika.

bak: Denkst Du, die von Dir vermittelten Fähigkeiten sind auch für jemanden wichtig, der Westeuropa eigentlich nicht verlässt und sich im Alltag absolut sicher fühlt?

EC: Das Wissen, wie man jemanden aufhält der Dich aktiv um Dein Leben bringen will oder Dich zu Unrecht in Haft nehmen oder entführen will, ist leider nötig in der heutigen Realität, und das überall auf der Welt. Das ist genau so wichtig wie Erste Hilfe.

Das ist die Welt in der wir heute leben, spätestens seit den Anschlägen in Paris sollte das allen klar sein.

bak: Die “Spielsachen” die Du regelmäßig auf Instagram oder Facebook postest sind oft ein wahrer Augenschmaus, gleichzeitig verweist Du oft auf Werkzeuge oder Waffen, die billig und leicht zu beschaffen sind – glaubst Du, die Fixierung auf tolle Ausrüstung in der “taktischen Szene” ist ein Problem?

EC: Ich versuche allen beizubringen, mit dem absoluten Minimum auszukommen und Werkzeuge oder Waffen selbst herzustellen. Wenn man nämlich das erstmal gelernt hat, gewinnt man damit ein viel tieferes Verständnis davon wie Dinge funktionieren und nimmt Details wahr, die den meisten anderen verborgen bleiben, die sofort mit, zum Beispiel, einem fertigen Messer trainieren.

Wenn man gelernt hat, mit dem zu arbeiten, was man wirklich direkt zur Verfügung hat, dann blüht man förmlich auf, wenn man sich aussuchen kann, womit man arbeiten will.

Der Teufel steckt im Detail, und diese Details übersieht man, wenn man rennen will bevor man das Laufen gelernt hat.

bak: Was hältst Du für das wichtigste Teil eines EDC, das man vielleicht sogar seiner Frau, Freundin oder Mutter ans Herz legen könnte?

EC: Ein kleines Klappmesser, das nicht sehr taktisch aussieht, kann als Werkzeug und als Waffe benutzt werden. Historisch waren Messer auch immer das bei Frauen beliebteste Abwehrmittel gegen Vergewaltigung, und das in allen Kulturen und zu jeder Zeit.

Eine kleine Klinge, die man in der Hand verbergen kann, gleicht die Situation aus, wenn sie in die Nahdistanz geht.

bak: Was würdest Du sagen ist die wichtigste, untaktische Fähigkeit? Kochen? Smalltalk? Volkslieder singen? Tanzen?

EC: Social skills. Mit jemandem eine Unterhaltung anfangen können, auch wenn es eine Sprachbarriere gibt. Eine Schachtel Kippen und ein Lächeln können sehr viel bewirken. Und man sollte sich nie Menschen gegenüber aufgrund ihres Hintergrunds oder sozialen Status verschließen. Und damit meine ich die Fiesen, Unappetitlichen. Es war mir immer wichtig Freunde und Bekannte im gesamten sozialen Spektrum zu haben.

Freunde an üblen Orten haben mir aus mehr brenzligen Situationen geholfen als jedes tolle Werkzeug oder jede tolle Taktik.

Wir müssen lernen, offen zu sein und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

bak: Vielen Dank für Deine Zeit! Möchtest Du meinen Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

EC: Bleibt diskret, lernt zu beobachten, ohne gesehen zu werden. Fangt a mit dem absoluten Minimum an Ausrüstung auszukommen, und ihr werdet überrascht sein, was ihr leisten könnt, wenn ihr eure Werkzeuge aussuchen könnt.

Stay safe, stay free. And always be dangerous.

Ed

Verfolgt Ed’s Manifesto auf tumblr, instagram oder Facebook und schaut euch sein Black Box-Modul bei Triple Aught Design an!

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